Lieber Bundeselternverband gehörloser Kinder e.V., vielen Dank für euren offenen Brief. Ich finde es sehr wichtig, mit unserer Community im Austausch zu sein. In der nächsten Legislatur möchte ich hierauf noch einen viel stärkeren Schwerpunkt legen. Darum freut es mich, dass wir hier in den Austausch kommen.
Heike Heubach antwortet auf den offenen Brief in DGS.
Ich bin Abgeordnete. Als Abgeordnete mache ich Politik. Darum stelle ich mir nicht nur die Frage, was die konkreten nächsten Schritte auf dem Weg zur gesellschaftlichen Inklusion und eines besseren Lebens für gehörlose Kinder oder Erwachsene sein können. Als Politikerin ist es wichtig, auch langfristige Ziele in den Blick zu nehmen. Und das langfristige Ziel für mich ist: Das Wort „Inklusion“ soll überflüssig werden und Barrieren sollen verschwinden – vollständig. Wie können wir das schaffen?
Auf dem Weg zur vollständigen Inklusion haben wir unterschiedliche Themen, an denen wir arbeiten können. Wichtig für mich ist, dass wir auch gleichzeitig an mehreren Themen arbeiten können und müssen. Wir können nicht sagen, dass erst wenn wir das eine erreicht haben, uns dann erst um das nächste Thema kümmern können. Wir müssen an vielen Fronten kämpfen. Was heißt das?
Die Deutsche Gebärdensprache muss in unserer Gesellschaft weit verbreitet werden. Kinder sollen keine Schwierigkeiten haben, DGS in der Familie, in der Kita oder in der Schule zu lernen und anzuwenden. Auch darf der eigenen kulturellen Identität als tauber Mensch keine Barriere im Wege stehen. Gleiches gilt auch für Erwachsene im Beruf und im Alltag. Sie sollten nicht auf Dolmetschende angewiesen sein, sobald sie den Safe Space der Gehörlosen Community verlassen. Sie sollen frei leben und sich ohne Barrieren selbstbestimmt entfalten dürfen. Was brauchen wir dafür?
(1) Die Deutsche Gebärdensprache muss als Sprache und die Taube Community kulturell anerkannt werden. Ja, das beinhaltet auch die Anerkennung als Minderheitensprache.
(2) Damit Kinder DGS als Muttersprache lernen können, braucht es gebärdensprachkompetente Eltern, Erzieher*innen und Lehrer*innen – hörend oder taube. Ja, Muttersprachler*in zu sein, hat seine Vorteile. Aber wie bei jeder anderen Sprache auch, sagt das noch nichts darüber aus, ob man auch in der Lage ist, die Sprache pädagogisch zu vermitteln. Also braucht es pädagogisch-kompetente Muttersprachler*innen und wirklich gebärdenkompetente bilinguale Pädagog*innen.
(3) Identitätsbildung ist wichtig und soll dort stattfinden, wo die tauben Personen dies selbstbestimmt möchten. Langfristig muss es das politische Ziel sein, dass alle in Respekt und gegenseitiger Anerkennung zusammenleben und an dieser Gesellschaft arbeiten. Das gilt auch für den Bereich Schule. Separate Schulen, also Gehörlosenschulen, müssen erhalten bleiben. Diese dienen der sprachlichen, kulturellen und identitätbildenden Förderung. Wer jedoch eine inklusive Schule besuchen möchte, soll dazu die Möglichkeiten haben, auf höchstem qualitativen Standard.
(4) Das bringt mich zu der Frage: Warum fordere ich DGS-Unterricht für hörende Kinder und Erwachsene. Menschen sind nicht behindert, sie werden behindert. Und unsere Barriere ist nicht, dass wir schwer oder nicht hören können, sondern dass (1) die hörende Gesellschaft unsere Sprache, die Deutsche Gebärdensprache, nicht spricht. Und (2) dass die hörende Mehrheitsgesellschaft wegen der jahrzehntelangen Ablehnung der DGS uns die institutionellen Möglichkeiten genommen hat, Gebärdensprache als Muttersprache zu erlernen. Um zu einem barrierefreien Miteinander zu kommen, müssen wir an beidem arbeiten: der DGS-Kompetenz hörender Menschen und der Möglichkeit für gehörlose und taube Menschen, DGS als Muttersprache zu erlernen.
Die Liste eurer Forderungen kann ich vollumfänglich unterstützen. Ich bitte euch jedoch um eins: Lasst uns die hörenden und tauben Menschen zusammenbringen und einander näherkommen. Wir sind Teil dieser Gesellschaft, auch wenn diese Gesellschaft uns, unsere Sprache und unsere Kultur lange abgelehnt und bekämpft hat. Ja, uns in der deutschen Geschichte sogar zwangssterilisiert und ermordet hat – etwas, was eine aufstrebende faschistische Partei versucht, aus der Geschichte zu tilgen. Wir müssen den Anspruch haben, Teil dieser Gesellschaft zu sein und uns unseren Platz GEMEINSAM erkämpfen. Insbesondere jetzt müssen wir zusammenhalten, unsere Positionen zusammenbringen und auch trotz unterschiedlicher Positionen gemeinsam das große Ziel der bestmöglichen Barrierefreiheit voranbringen.
Und warum steht nur so wenig von alldem im SPD-Regierungsprogramm? Ein solches Programm ist immer das Ergebnis eines Aushandlungsprozesses. Da ich erst spät in den Bundestag eingezogen bin, war ich auch an der Aushandlung nicht beteiligt. Jedoch habe ich, sobald es ging, mich innerhalb der SPD zu Wort gemeldet und konnte die nun festgeschriebene Ergänzung zum Thema Gebärdensprache durchsetzen. Das heißt nicht, dass es alles ist, wofür ich mich einsetze. Ich bin selbst das Kind hörender Eltern, die keine Gebärdensprache gelernt haben. Die Lehrkräfte an meiner Schule konnten keine Gebärdensprache, Oralismus betraf auch mich. Daher kenne ich die beschriebenen Themen aus eigener Erfahrung und deshalb sind sie mir auch besonders wichtig, genauso wie der Austausch mit euch. Das, was im SPD-Programm steht, ist ein Anfang, ein kleiner Sieg, auf dem man aufbauen kann. Lasst uns das gemeinsam tun!
Eure Heike